Ableton Handschuh

6. Februar 2013

Die britische Musikerin Imogen Heap stellt auf der Wired 2012 einen vom M.I.T. entwickelten Handschuh vor, mithilfe dessen man das Programm Ableton kontrollieren kann. Letztlich geht es bei dem Handschuh darum, durch Bewegungen der Hand, der Arme oder des gesammten Körpers durch den Raum, verschiedene Klänge und Effekt-Parameter, die sonst mittels Tasten, Dreh- oder Schieberegler verändert würden, zu steuern. Die Performance hat was von modernem Tanz. Sie verwendet zunächst viel Zeit zur Erklärung des Handschuhs und führt schliesslich das Stück „Me The Maschine“ aus Ihrem letzten Album auf.

Kevin Kelly, die Kopie und der Musiker

Im folgenden ein Artikel von Kevin Kelly – Wirtschaftsweise, Journalist und „Kopfzerbrecher“ über die Zukunft der Technik und des Web (3.0) – über die Entwicklung der Kopie in Industrie bis zur Kopie des Musikstücks und seiner Weiterverarbeitung.

Weiterhin geht er auf die Zukunft des Musikers, seiner Sponsoren und den Musikkonsumenten ein.

Weiter unten sind auch weitere interessante Links zu Kevin Kelly.

Die Zukunft der Musik

Kevin Kelley, notorischer Mitgründer von Wired und Herausgeber der Zeitung Whole Earth, ist mit seinen Büchern „Out Of Control“ und „New Rules For The New Economy“ eine Art Wirtschaftsweiser der kalifornischen Ideologie geworden und darin oft genug auch kritisiert, gelegentlich sogar missverstanden. In der ökonomischen Pause der New Economy beschäftigt er sich nicht nur mit einer Archivierung seiner kompletten Texte und Bücher auf seiner Webseite, sondern vor allem mit einem Inventar aller biologischen Spezies, seiner Asien Vorliebe und natürlich der Zukunft von Musik.

Kevin Kelley in De:Bug 59

Where Music will be coming from

Technologie verändert Musik. Das war schon immer so. Mit der Erfindung des Pianos vor 300 Jahren drehte sich Musik um Tasten. Die Einführung der Elektrizität im späten 19. Jahrhundert ermöglichte das Aufnehmen und Kopieren von Aufführungen, später dann die Verstärkung der Instrumente. Mit der Digitalisierung beschleunigt sich das Tempo des Umbruchs weiter. Digitale Filesharing-Technologien wie Napster und seine Nachkommen umgehen die etablierte Musikindustrie. Und alles, was wir über digitale Technologien wissen, suggeriert uns, dass Napster erst der Anfang sei.

Technologie und Irritation

Heutzutage gibt es keine Musik, die nicht von der Tatsache beeinflusst wird, dass sie aufgenommen und kopiert werden kann. Die Möglichkeit, Musik zu kopieren, verursachte schon seit dem Grammophon eine tiefgreifende Irritation, wie mit Musik umzugehen sei. Als John D. Smoot, ein Ingenieur der Europäischen Firma Odeon, 1904 primitive Aufnahmegeräte in den Indonesischen Archipel karrte, um die Gamelanorchester aufzunehmen, waren die lokalen Musiker perplex. Warum eine Aufführung kopieren? Die populären Stücke der Gegend hatten eine Halbwertzeit von einigen Wochen. Warum sollte jemand einer verbrauchten Wiedergabe eines alten Stückes zuhören, wenn es so einfach war, an frische, neue Musik heranzukommen?

Als Phonographen sich in der Welt ausbreiteten, hatten sie einen erstaunlichen Effekt: Volksmusik, die sich immer in konstanter Veränderung befand, die sich mit jeder Aufführung und bei jedem Interpreten veränderte, wurde durch die Einführung der Aufnahmetechnik zu fixierten Songs transformiert, die endlos wiederholt werden konnten. Musik wurde kürzer, melodischer und präziser.

Das erste, frühe Equipment konnte viereinhalb Minuten aufnehmen. Also passten Musiker die alten Werke an und kreierten neue, kürzere Musik, die auf den Phonographen zugeschnitten war. Weil die ersten Aufzeichnungen unverstärkt waren, betonten die Aufnahmen den lauten Klang der Sänger und nahmen den der ruhigen Instrumente zurück. Wie der Musikologe Timothy Day bemerkt: „Als Pianisten begannen, ihre Musik aufzunehmen, versuchten sie zum ersten mal sorgfältig im Stück zwischen jeder Achtel- und Sechzehntelnote zu unterscheiden.“ Musiker spielten so, wie die Technologie ihnen zuhörte. Als der legendäre Frederick Gaisberg 1902 in Kalkutta ankam, gerade mal zwei Jahrzehnte nach der Erfindung des Phonographen, bemerkte er, dass indische Musiker schon gelernt hatten, aufgezeichnete Musik zu imitieren. Und er lamentierte, dass „keine traditionelle Musik mehr da sei, die man aufnehmen könnte“.

Die Regeln der Kopie

Mit dem Boom der Reproduktionstechnologien im letzten Jahrhundert ging auch ein Konsumenten-Boom einher. Was konsumiert wurde, egal ob in Form von Büchern, CDs oder Coca Cola-Dosen, waren exakte Kopien. Die Möglichkeiten, in verwirrend großer Anzahl endlos und perfekt Kopien herzustellen, war die Hauptzutat der Massenkultur. Musik passte sich sehr schnell dem Kopierkult an. Reproduktionen wurden exakt gemacht, Kopien massiv multipliziert. Musik lebte in ihrer konstanten Reproduktion.

Der große Bruch, den Musik nun zu erfahren scheint, diese Transformation, die Napster sichtbar macht, markiert die Bewegung von analogen zu digitalen Kopien. Das Industriezeitalter wurde von analogen Kopien angetrieben, sie sind perfekt und billig. Das Informationszeitalter dreht sich um digitale Kopien. Digitale Kopien: perfekt, umsonst und beweglich.

Umsonst ist eine Eigenschaft, die man nur schwer ignorieren kann. Sie verstärkt das Kopieren in einer Weise, die vorher undenkbar gewesen wäre. In nur zehn Monaten sind 71 Millionen Kopien der Software „Morpheus“ heruntergeladen worden. Und natürlich wird nicht nur Musik umsonst kopiert. Text, Bilder, Filme, ganze Webseiten. In der Online-Welt wird alles, was kopierbar ist, auch kopiert werden: und zwar umsonst.

In dem Moment aber, in dem etwas umsonst und damit überall ist, verkehrt sich die ökonomische Gleichung. Als es noch neu war, nachts Strom zu haben, waren es die Armen, die Kerzen abbrannten. Als Elektrizität leicht erhältlich und fast umsonst wurde, wurden Kerzen beim Abendessen ein Zeichen von Luxus.

In unserem neuen, übersättigten Online Universum freier, endloser digitaler Duplizierung haben sich die Wertigkeiten verschoben. In der industriellen Zeit waren Kopien oft mehr wert als Originale. (Wer wollte den „originalen“ Prototyp des Kühlschranks besitzen, aus dem der sich entwickelte, den man in der Küche hat?) Die meisten Menschen wollen den perfekten Klon: Je gebräuchlicher der Klon, desto beliebter, denn nur dann entwickelt sich rings um ihn eine Marke, die von anderen respektiert wird, sowie ein Netzwerk aus Serviceleistungen und Reparaturservices.

Aber nun, in der Online-Welt der unendlich kopierbaren, freien Duplikation hat sich die Ordnung verkehrt. Kopien sind so allgemeingültig, so billig (meistens eben umsonst), dass das einzig Wertvolle das wird, was nicht kopiert werden kann.

Und was kann man nicht kopieren? Nun ja: Vertrauen, Direktheit, Personalisierung. Es gibt keinerlei Möglichkeit, diese Qualitäten von existierenden Kopien herunterzuladen oder sie von der CD eines Bekannten zu installieren. Während man Kopien umsonst bekommen kann, muss man zahlen, wenn man etwas Authentisches, Direktes oder Personalisiertes haben möchte.

Service und Dienstleistung

In der Domäne des „Umsonst“ macht Musik das einzige, was ihr übrig bleibt: sie lässt einen für Dinge bezahlen, die nicht leicht zu kopieren sind. Ein entfernter Bekannter wird dir vielleicht die Kopie eines Bandkonzertes rüberreichen, aber wenn du bezahlst, dann wird die Band selbst dir direkt ein paar Sekunden nach der Aufführung selbige zumailen. Sicher, man kann eine Kopie jedes Tracks irgendwo finden, aber wenn du ihn in einem Mix eines legendären DJs haben willst, wirst du dafür bezahlen wollen. Und klar kann jeder eine Kopie von Beethovens 9ter runterladen, aber wenn man sie auf die Audioparameter des eigenen Autos zugeschnitten haben möchte, bezahlt man halt dafür. Oder diese kubanisch-chinesische Rockband, die es neulich auf der Morpheus-Seite gab: Die einzige Möglichkeit, an Meta-Informationen über jeden Track zu kommen, an die Lyrics, Akkordschema etc. liegt darin, eine Beziehung mit ihnen einzugehen, in dem man sie bezahlt.

Die Qualität, an der es einer Welt voller freier Kopien am meisten mangelt, ist Aufmerksamkeit. Jedes Jahr werden mehr als 30.000 neue Alben, CDs usw. veröffentlicht und wieder veröffentlicht und tummeln sich in dem eh schon arg überfüllten Unterhaltungs-Raum des eigenen Kopfes mit neuen Filmen, neuen TV Serien, neuen Büchern, neuen Spielen, neuen Webseiten usw. Egal wie groß der musikalische Appetit sein mag, es gibt einfach nicht genügend Stunden in unserem Leben, um mehr als eine klitzekleine Menge des globalen Angebots an Musik zu hören. Menschen bezahlen tatsächlich, um jemanden zu haben, der für sie diese Musik sondiert, sie ihnen empfiehlt und einem Ausgewähltes in einer amüsanten und einfachen Weise präsentiert. Deshalb werden wohl auch Produzenten, Label und die daran angeschlossene Ökologie der Reviewer, Katalogisierer und sonstige Filter und Führungen weiter einen Job haben. Sie gleichen unseren Zeitmangel für die kommenden 10 Millionen Alben aus, die wir in den nächsten 50 Jahren noch erleben werden. Letztendlich wird allein deshalb in der Domäne des Umsonst eine Menge Musik verkauft werden, weil es einfacher ist, Musik, die man wirklich mag, zu kaufen, als sie zu finden.

Aber „Umsonst“ als Schicksal wird überbewertet. Es ist nur die zweite Phase der drei Stadien des Kopierimperiums. Das erste Stadium ist die Perfektion in der analogen und digitalen Welt. Aus perfekten Kopien entstand ebenso die moderne Welt wie die moderne Musik. Das zweite Stadium ist das Freie, das „Umsonst“. Nahezu ohne Kosten zu kopieren, das machte Napster möglich und so etwas wie eine musikalische Revolution denkbar. Aber es ist erst das dritte Stadium der Kopierbarkeit, in dem die eigentliche Revolution liegt: Und diese dritte Kraft liegt in einer neuen, fließenden Beweglichkeit der Daten. Durch sie wird Musik sich viel weiter entwickeln, als wir es uns mit Napster träumen lassen.

Die Beweglichkeit digitaler Daten

Denn digitale Kopien sind eben nicht nur perfekt und umsonst, sondern eben auch besonders beweglich. Ist Musik erst mal digitalisiert, hat sie die Eigenschaften einer Flüssigkeit, die gemorpht, gebogen und verlinkt werden kann. Man kann sie filtern, archivieren, re-arrangieren, remixen, mit ihr herumspielen. Und man kann das mit Musik machen, die man selber schreibt, die man hört oder die man sich borgt.

Es sah zunächst so aus, als wäre die Öffentlichkeit besonders an Onlinemusik interessiert, weil sie „umsonst“ ist; in Wirklichkeit aber entstand dieser Rausch auf Grund der Beweglichkeit von digitalisiertem Sound. Erst als es Musik möglich geworden war, in unserem Leben ungebunden herumzuschwirren, entdeckten Millionen von Menschen, die Peer-To-Peer-Software herunter geladen hatten, dass es tausende von magischen Tricks und Kunststücken gibt, die man aufgrund der neuen Mobilität der Musik auf einmal mit ihr anstellen könnte. Es ist nicht nur, dass es umsonst ist; es ist ausschlaggebender, was man mit Musik alles machen kann.

Ist Musik erstmal digitalisiert, zeigen sich neue Verhaltensweisen. Mit beweglicher Musik hatte man die Macht, die Abfolge von Tracks auf einem Album oder zwischen ihnen zu verändern. Dann kam das Morphen von Klängen, bis sie zu einer neuen Situation passten. Man sampelt Noten aus Stücken von jemand anderem und verwendet sie weiter. Man durchleuchtet die Innereien von Musik, skizziert ihre Struktur und verändert sie. Man substituiert neue Lyrics. Man arrangiert Tracks so, dass alle Parts einen neuen Klang bekommen. Man produziert einen Track so, dass er im Auto besser klingt. Man verschmilzt Musik miteinander, dass neue Hybride entstehen; verkürzt ein Stück oder macht es doppelt so lang.

Mit der Digitalisierung wurde aus der Seinsweise der Musik als Substantiv wieder ein Verb.

Mit Musik in der Freizeit spielen

Wäre diese dritte Möglichkeit der digitalen Kopie schon jetzt voll ausgespielt, dann wäre die Welt ebenso voller Menschen, die mit Musik und Sound herumspielen, wie sie Photos schießen und Webseiten basteln. Der typische Skeptizismus gegenüber diesem Szenario musikalischer Kreation und Recycling lautet: es ist immer einfacher, etwas zu lesen als zu schreiben, immer einfacher, etwas zu hören als zu spielen, zu sehen als selber herzustellen. Das wird stimmen, aber hätte einem jemand vor zehn Jahren erzählt, dass normale Leute sich massenweise teure Computer kaufen, um eine Auszeit vom Fernseher zu nehmen und nebenher ein paar Billionen Webseiten herzustellen – nun, den hätte man wohl als Idealisten und Utopisten ausgelacht. Man sagte zwar: Die Menschen sind einfach nicht so kreativ und haben gar keine Lust, sich Zeit für so was zu nehmen. Entgegen dieser Prophezeiung gibt es aber 3 Milliarden Webseiten. Vermutlich ist das Wachstum des Netzes eine der größten kreativen Bewegungen, die unsere Zivilisation je hat beobachten können. Musik könnte es mit einer ähnlich irrational aufblühenden, überwältigenden Masse von Amateurkreativität im positiven Sinn zu tun bekommen.

Ein Grund dafür, warum Menschen Text, Graphik und anderes in der digitalen Welt produzieren, ist mit Sicherheit die Erfindung neuer Tools. Musikfans schieben eh schon Playlists hin und her, remixen Tracks, sampeln Sounds, legen neue Drums unter Musik oder anderes. Sie machen also schon jetzt auf eine Weise Musik, wie man mit einer Kamera Bilder macht: Nehmen, was da ist und einen speziellen Blick darauf werfen. So wie die Einführung der Brownie-Kamera die Photographie von einer Kunst für Experten zu einer weltweiten Ausdrucksform gemacht hat, ist es mit den richtigen Tools in der Hand kein großer Schritt mehr dahin, dass jeder Musik macht. Auf seine Weise.

Die Zukunft des Musikers ist in Bewegung

Sehr viel von der Aufregung um Napster wird als die Frage nach der Zukunft von Musik verkauft. Aber egal was passiert, in der Welt der Zukunft wird es viel Musik geben, die von sehr vielen Menschen gehört werden wird. Die Frage sollte sich weniger um die Zukunft von Musik überhaupt drehen, als vielmehr um die Zukunft des Musikers. Die Rolle des professionellen Musikers ist in Bewegung. Aber auch hier gilt: das war schon immer so.

Die Regeln, um aus Musik einen Lebensunterhalt zu machen, sind seit dem ersten Drumbeat ständig neu erfunden worden. Bis zum 20. Jahrhundert wurden die Musiker in der westlichen Gesellschaft eher verächtlich behandelt, ihr Status war dem eines Vagabunden ähnlich. Selbst den erfolgreichsten Musikern wurde misstraut.

Erst die Aufnahmetechnik verwandelte den Musiker in eine gewöhnliche Profession. Die Aufnahme- und Kopiertechniken verbesserten im letzten Jahrhundert ständig die Rolle, die der Musiker spielen durfte, bis sie heutzutage endlich den Status von Reichen und Berühmten erreichten. Ein paar hundert Jahre vorher haben nur eine handvoll von Musikern davon geträumt. Mozart hatte es nie so gut.

Die Ankunft perfekter, freier und beweglicher Kopien von Musik führt dazu, dass Musiker mit neuen ökonomischen Modellen des Musikmachens konfrontiert werden: Wird das Modell der Zukunft sein, Kopien umsonst zu verschenken, damit man einen Livegig verkaufen kann? Oder wird man so schnell aus dem eigenen Studio die Musik vertreiben, dass kein Filesharingprogramm hinterherkommt? Verkauft man Musik in einer so schönen Verpackung, dass es einfach billiger wird, sie zu kaufen als zu kopieren? Die wahrscheinlichste Antwort: All das, und mehr.

Wenn es eine Lehre aus den Online-Welten gibt, dann die, dass sich die Optionen multiplizieren. Ich würde darauf wetten, dass in den nächsten zehn Jahren junge Bands auftauchen werden, deren Haupteinnahmequelle ihr kommerzieller Sponsor ist. Die Band wird tun und lassen können, was sie will, aber der erste, der eine Option auf die neuen Tracks bekommt, ist der Sponsor, der sie dann für seine Werbung verwerten kann. Der Sponsor bekommt coole, hippe Musik und die Band bekommt über die Werbung ein Auditorium von Millionen. Und was die Firma nicht benutzt, das können die Musiker selber rausgeben, umsonst.

Musik zu produzieren, die weithin angenommen und beliebt ist und nach der die Leute verlangen, ist harte Arbeit. Es mag albern klingen, einem arbeitenden Musiker zu erklären, dass Musik in der Online-Welt weiter bearbeitet, wieder neu kreiert und co-produziert werden wird. Wie kann eine unbegabte Öffentlichkeit etwas erzeugen, dass von vielen geschätzt wird?

Die Antwort könnte zum Teil heißen, dass viele von uns da nicht mitspielen. Es wird immer noch diese seltene Person geben, deren Musik jeder haben will, denn Hitmusiker haben auch eine eigene Form von Ökonomie. Aber die meiste Musik, ähnlich wie in der Fotografie, muss nicht jedem gefallen. Die meisten Fotos werden von Amateuren gemacht und interessieren nur ihre Familien.

Die Zukunft von Musik ist ungewiss, aber was immer sie sein wird, sie wird von Technologie komplett durchdrungen sein. Carver Mead, ein Computerchip-Pionier, empfiehlt uns, auf die „Technologie zu hören“, wenn wir wissen wollen, wohin sie sich bewegt. Und wenn wir das tun, dann könnten wir folgende Möglichkeiten bemerken:

– Songs selber sind billig; was teuer werden wird, sind indizierbare, also durchsuchbare offizielle Lyrics.

– Auf Auktionsseiten werden Musikliebhaber aktive Playlisten kaufen und verkaufen, die hunderte von Tracks in einer kreativen Sequenz arrangieren. Die Listen sind Templates, die Songs auf der eigenen Festplatte neu sortieren.

– Man wird private Label abonnieren, deren Agenten die Clubs durchkämmen und aus dem Angebot das herausfiltern, was den eigenen Präferenzen entspricht.

– Die populärsten Bands der kommenden Zeit werden vor allem sehr gute „Jingles“ produzieren, so wie die besten Regisseure zur Zeit vor allem gute Werbung produzieren.

– Eine generative Box erzeugt Background Musik, die den eigenen Vorlieben entspricht. Die Musik kommt von Drittanbietern, die die Orginaltracks von den Musikern kaufen.

– Wer Tanzmusik liebt und gerne auflegt, kauft Versionen von Tracks, die auf alle einzelnen Spuren Zugriff liefern.

– Du bezahlst deine Lieblingsband dafür, dass sie dir ihr Konzert streamt, während es läuft, obwohl du es hinterher eh noch irgendwo umsonst runterladen könntest.

– Die Menge an Musikstilen wird weiter explodieren. Sie entstehen schneller, als man sie benennen könnte, so dass sich eine Art Dezimales Dewey System entwickelt, das man jedem Track anhängt, um ihn kategorisieren zu können.

– Für eine kleine Menge Geld werden die Produzenten deines Stars dir seine Performance genauestens an die Akustik deines Wohnzimmers anpassen.

– Es gibt so viele Remixversionen von einem Hit im Netz, dass man gerne die 5 $ ausgibt, um die offizielle „authentifizierte“ Version zu bekommen.

– Für Bands, die touren, wird das Umsonst-Herausgeben von Musik so etwas wie eine billige Form der Werbung sein. Je mehr sie ihre Musik in Umlauf bringen, desto mehr Leute sind auf ihren Konzerten.

– Die Musiker mit dem höchsten Status sind die, die einen eigenen Stream ihrer Musik auf einem 24-Stunden-Kanal im Web haben.

– Musiksammlungen (wie Fotosammlungen), die keinerlei Lizenzgebühren haben, gibt es für jeden Gebrauch. Sie werden mit der Erfindung einer Musiksearchengine explodieren, die wirklich „ähnliche“ Musik finden kann.

– Die bestverkauften Formate für Musiker werden „Whole Package Deals“, in denen Video Clips, Liner Notes, einzelne Remixspuren von Tracks, Reviews, Anzeigen und Artwork alle zusammen auf einem limitierten, gut designten Medium versammelt sind.

– Egal ob man mit ein wenig Aufwand umsonst und in dem Format jeden Track runterladen kann, man wird sie bei seinem Lieblingsshop im Netz kaufen, einfach weil er so wunderbare Searchengines hat und so vertrauenswürdige Tips, so dass das Einkaufen eine einfache, sichere und angenehme Erfahrung sein wird.

Letzendlich ist die Zukunft von Musik einfach: mehr Auswahl. Und während die Möglichkeiten von Musik expandieren, verbessern unsere sich gleich mit.

Kevin Kelley

Weitere interessante Links zu Kelly…

folgender Artikel im Original-PDF plus weitere interessante Artikel:

www.de-bug.de/share/debug59.pdf

Youtube-Videos mit Kevin Kelley:

http://www.youtube.com/watch?v=1S0-S36pMo4

http://www.youtube.com/watch?v=J132shgIiuY

http://www.youtube.com/watch?v=ap-ZC21bk18

bedeutendes Tech-Magazin, welches Kevin Kelley 1993 mitbegründete:

www.wired.com

Spiegel-Online-Interview mit Kelley über Menschen und Roboter:

www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,249766,00.html

BK , 27.06.2009