Nun ist es amtlich (und mittlerweile teilweise schon widerrufen…):

Abbey Road Studios 4 Sale!

Die ehrwürdigen Hallen, in denen die Beatles „All You Need Is Love“ aufnahmen, in denen Radiohead ihr „OK COMPUTER“ Album erschufen, in denen Robby Williams ein und aus ging: Diese ehrwürdigen Hallen stehen nun ür jeden Erdenbürger (mit 30 Millionen Pfund auf dem Konto) zum Kauf bereit. Der traurige Höhepunkt eines Trend, der sich schon seit Ende der 90’er Jahre abzeichnet. Und auch in der Nähe Hamburgs steht derzeit ein Studio von Weltklasse mit riesigem Live Room, einer unendlichen Auswahl an einzigartigen Mikrofonen und erlesenem Outboard Equipment zum Verkauf: Die Voxklangstudios bei Bendestorf.

Im Einzelnen möchte ich nicht auf den Grund für das Sterben speziell dieser Studios eingehen, aber dennoch Ideen sammeln diskutieren, warum (und ob)  die großen und schließlich auch die kleinen Tonstudios in dieser derzeitigen Musikindustrie eines nach dem anderen schließen (werden).

Die Budgets für Albumproduktionen sind seit Beginn der großen Krise der Plattenfirmen deutlich gesunken. Independent Bands z.B. im Rock/Metal Bereich erfahren heute nur noch selten bis überhaupt keine finanzielle Unterstützung mehr. (Anmerkung: Ich arbeite momentan mit einer Mittelalterband, die das Glück haben, tatsächlich noch gefördert zu werden. Dennoch zahlt die Band die Hälfte der Produktion selbst – dies ist aber nach meiner Beobachtung eine riesige Ausnahme).

Somit beläuft sich das Budget einer 4-köpfigen Band (ohne Labelunterstützung) im Schnitt auf selbst zu zahlende 3000 €. In meiner Erfahrung ist das die oberste Schmerzgrenze für die meisten kleinen Bands, die sich mit Tagesjobs am Leben halten, und abends die Clubs „rocken“.

Bei einem angenommenen Mindesttagessatz von 350 € eines kleinen Studios (Voxklang werden dagegen geschätzt mind. 1000 €/Tag allein an Miete kosten, Abbey Road 2000-3000 €) hätte die Band somit gut 9 Tage Zeit für Aufnahme, Editing, Mix, Mastering. Für eine international konkurrenzfähige Top-Produktion wären bei dieser geringen Zeit maximal 2 Songs möglich (Erfahrungswerte). Dies wäre also nicht mal eine EP (~3-4 Tracks)!

Dennoch: Kleine Studios kämpfen ums Überleben – und unterbieten sich im Preis gegenseitig. Also werden Studiowochenenden zu Dumpingpreisen angeboten: 350 € für Freitag-Sonntag – nehmt an einem Wochenende hier eure EP auf! Selbst große Studios (z.B. Boogie Park Studios Hamburg) beteiligen sich an dem Preiskrieg und bieten Bands fragwürdige Produkte unter dem Selbstkostenpreis an.

Die Konsequenz: Mittelmäßige bis peinlich schlechte Produktionen werden abgeliefert. Der Markt wird überschwemmt mit furchtbar verzerrten, uninspirierten musikalischen Kreationen. Musik aus der Konserve verliert an Wert – denn es wurde von Anfang an darauf geachtet, möglichst wenig Aufwand & Geld in die Aufnahme zu stecken.

Michael Jacksons Thriller Album wurde nicht in 1 Woche aufgenommen, gemischt und gemastert. Es wurde mit viel Experimentierfreude, Wissen und letzten Endes Zeit und Budget erstellt. Klanglich heute ein Meilenstein im Pop-Genre – auch dank der finanziellen Unterstützung der großen Plattenfirmen. Dagegen werden heutzutage klanglich fast ausschließlich Tiefpunkte generiert (dies ist natürlich eine rein subjektive Meinung, dies es zu diskutieren gilt).

Die Konkurrenz im Tonstudiosektor ist groß wie nie. Jeder 14-jährige Schüler mit einem 90 € Firewire Interface, Cubase SX3 und der gecrackten Waves Diamond Bundle nennt sein Kinderzimmer ein „Studio“. Erfahrung, Wissen und Können gelten heute viel weniger als Argument für eine Band, in Studio XY ihre Werke für die Ewigkeit festzuhalten. Der Preis – und oftmals NUR der Preis bestimmt die Aufnahme heute.

Es kommt die Frage auf: Wie überlebt ein Studio von 150 €/Tag bei Mieten von 1000 €/Monat und Equipment im Wert von mehreren 10,000 €? Ganz zu schweigen von der Bezahlung der hochqualifizierten Techniker und Produzenten (mind. 2000 €/Monat)!

Über Ideen, wie die Zukunft der Musikproduktion aussehen wird, bin ich sehr gespannt ! Lasst uns darüber im Blog weiter diskutieren! Einige brennende Fragen:

  • Werden zukünftige Musiker (so wie im übertragenden Sinne auch Maler) ihre Werke noch selbst erstellen ?
  • Wird jeder Musiker mit rudimentären Kenntnissen und VST-Presets selbst mischen und nur noch auf einen Mastering-Engineer zurückgreifen für den letzten Schliff?
  • Werden große Studios doch wiederkommen, weil sich die Musikindustrie erholen wird?
  • Werden Homestudios den Tonstudiomarkt dominieren und sich weiter gegenseitig unterbieten?

Ich freue mich über eure Beiträge!

Schließlich noch ein wirklich lustiges Video über den (leider wahren) Alltag eines Mastering Engineers, in der Kontakt eines budgetlosen Musikers mit einem professionellen Tontechniker gezeigt wird. Bitte seht euch dieses Video an,  denn es hat viel mit diesem Artikel gemeinsam.
http://www.xtranormal.com/watch/2868571/

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CwF + RtB = $$$ ???

19. Juli 2009

Ich bin auf einen sehr interessanten Vortrag von Michael Masnick gestoßen, den ich gerne mit euch teilen möchte.
Michael Masncik stellt dabei Nine Inch Nails und deren Mastermind Trent Reznor samt seiner ständig neuen
Vermarktungsmethoden dar.

Dabei kommt Masnick immer wieder auf die Formel :
CwF + RtB = $$$

CwF = Connect With Fans
RtB = Reason To Buy

Masnick beschreibt, dass diese Art der Vermarktung und „Kundenbindung“ sowohl für kleine als auch für große Bands
funktionieren kann. Eindrucksvoll zeigt er Reznors Methoden auf, die Zahlen sprechen für sich :

Amazon erklärten 2008 NIN’s Album zum meistverkauftesten Online Album (per Download) >> obwohl das Album auch frei von der NIN Webpage geladen werden konnte
bzw. frei über Torrents (dank creative common license) legal downloadbar war…

Ist das die Zukunft der Musik (industrie) ?

Für diejenigen aktiven Musiker, die die harte Realität des tourenden Musikers interessiert (und evtl. diese auch für sich als Ziel setzt), sei hiermit auf einen interessanten Forenbeitrag bei Ultimate-Metal.com hingewiesen, indem u.a. von Clawfinger Gitarrist über die Frustration und Aussichtlosigkeit des derzeitigen „Einnahmen und Überlebenskampfes“ kreativer Musiker gesprochen und auch ein wenig philosphiert wird. Wie verdient heute ein Künstler noch Geld ?

Und hier der link >> Ultimate Metal Forum Beitrag

Wer keine Lust hat, alles zu lesen (obwohl ich das schon empfehle), kurz ein paar Kostproben über die dort stattfindende Diskussion:

– I have always heard that merchandise sales is a large part of income from TOURING…but I cannot imagine that merchandise sales is more important than album sales. Am I mistaken? If a band was so great at selling merchandise, it seems they would be better suited to have their own clothing line at JCPenney’s instead of selling albums.

– Bands sell their hoodies more then 40$. Their albums are sold less then 20$.  Hoodies are not very expensive to make. Albums are very expensive to make.

– Cd’s sales are pretty crappy income from my own experience and from what I hear as well. I remember my friend going to Namm and talking to other pros and how poor they are. Don’t forget to add in costs when making calculations. Put it this way, lets say you make 20% of CD sales at 10 bucks a pop, that’s 2 dollars per CD. Now lets say you got a $8,000 recording advance. You’d have to sell 4,000 units just to break even. Now lets say are lucky and you have 10,000 fans but only a quarter of them decide to buy the CD and the others decide to rip it. Now you owe the record label $3,000 and are in risk of being dropped from the label entirely

– Jocke von Clawfinger, einem wirklichen „Pro“: It’s only a few bands that make their money from the merch. Merch is NOT more important than the CD sales. All touring we do, turns out to be a break-even deal. The merch is some sugar on top, in my experience. Tou basically need a daytime job to be able to pay the rent, and to be able to make money on touring, you’d have to tour all the time. It’s a moment 22 for us, since we don’t sell loads of albums, and we’ve got families with kids that don’t really appreciate when you’re away for a month, but make 25% of the money she does. Tell the other forum to just shut up. They’re wrong. Short version: 2% of all bands sell enough CD’s. 2% of all bands sell the amount of merchandise to make serious money. Guess who those 2% are. The rest struggles, have part time jobs and so on.

Im Ganzen ist dort eine wirklich realitätsnahe Diskussion aufgekommen, sehr interessant, wie ich finde !

„Es ist nicht verwunderlich, dass Musikfans die Bereitschaft verlieren, Musik legal zu erwerben, wenn aktuelle Veröffentlichungen so gnadenlos überkomprimiert sind, dass selbst der größte Fan abschaltet. Bei den Red Hot Chili Peppers (z.B. „Stadium Arcadium“) ist auf der CD die natürliche Dynamik der Band nicht mehr zu hören, während die tolle Drum-Performance des Garbage Schlagzeugers völlig verzerrt zu hören ist („Bleed Like Me“). Madonna („Hard Candy“) macht agressiv und führt auf Disko-Anlagen zu Verzerrungen. Bei Metallica („Death Magnetic“) bleibt die Aussteuerungs-Nadel gleich permanent im roten Bereich! Das Gleiche geschieht mit dem vermeintlichen Qualitätskriterium Surround. Neun von zehn mit Surround ausgezeichnete Veröffentlichungen klingen schlechter als der originale Stereomix oder sind billige Upmixe mit Surround-Simulation – keine Voraussetzung, dem Musik-Hörer ein neues High-Resolution-Format auf Blu-ray-Basis anzubieten.“ (Auszug aus der Webseite der Pleasurize Music Foundation, eigene Übersetzung)

Der so genannte Lautheitskrieg oder im Englischen „Loudness War“ ist einer der am häufigsten diskutierten Trends in der modernen Musikproduktion. Während Künstler und Labels auf immer mehr Lautheit (lautere Mixe) drängen, macht sich Friedemann Tischmeyer auf, mit seiner Pleasurize Music Foundation für Aufklärung bei Musikern, Labels und Verantwortlichen zu sorgen und diesem zerstörerischen Trend entgegenzuwirken.

Was ist der Lautheitskrieg (siehe Video)?

„The Loudness War designates the senseless competition between record companies which involves releasing music with increasingly high amounts of compression (the „compression“ of dynamic levels so that originally quiet passages are as loud as the loudest parts of a song). This results in products which are increasingly obtrusive in order to fight for the listener’s attention. “ (Auszug aus der Webseite der Pleasurize Music Foundation)

Weitere Informationen zum Thema hier.

Die Pleasurize Music Foundation

„Die Pleasurize Music Foundation hat im Januar 2009 ihre Arbeit aufgenommen und ist eine Non-profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien. Unser Ziel ist die qualitative (klangliche) Aufwertung von Musik in ihren unterschiedlichen Formaten. Hierzu gehören Tonträger aller Art ebenso wie Radiowiedergabe und Datenreduktionsverfahren wie mp3. Nur Musik, die auch ein positives Hörerlebnis bietet, ist ihren Preis wert. Wir stärken mit dieser Aufwertung den Wert der Musik im kreativen Schöpfungsprozess in der „Nahrungskette“ der Musikindustrie. Ziel ist, die Bereitschaft zu erhöhen, für hochwertige Musik gerne Geld auszugeben und so für alle kreativen Beteiligten des Entstehungsprozesses von Musik einen gesünderen Nährboden zu schaffen.“
(Auszug aus der Webseite der Pleasurize Music Foundation, eigene Übersetzung)

Turn Me Up!

Tatsächlich habe ich gerade gelesen (und es selbst noch nicht überprüfen können), dass Norah Jones „Come With Me“ soll doppelt so laut sein (in RMS gemessen) wie Nirvanas „Nevermind“… Da hat sich der gute Charles Dye (Mixing Engineer für Aerosmith, Bon Jovi, Shakira etc.) wohl gedacht: Das kann so nicht bleiben! Ich gründe mein eigenes Gütesiegel für dynamikreiche Platten: „Turn Me Up!“ http://www.turnmeup.org/
Charles Dye hat auch schon das „grandiose“ Livin La Vida Loca vom spanischen Hüftkreisweltmeister Ricky Martin gemischt. Laut Eigenaussage bedauert er heute, dass er damals schon dem Mastering Engineer Ted Jensen den Mix so laut anlieferte, dass dieser besagte Mastering Engineer noch heute für zu lautes Mastering gerügt wird. Dabei war das Charles Dyes Schuld , wie er heute selbst zugibt. Mit „Turn Me Up“ wird Künstlern die Chance gegeben, ihr Werk als dynamisch auszuweisen, und dem Hörer zu sagen: Hier ist nichts falschgelaufen – Ich, der Song / das Album bin / ist nicht kaputt 🙂 Mach mich einfach lauter. Dies soll dazu führen, das Künstler sich nicht mehr scheuen müssen, „leiser als die Konkurrenz zu sein“. Meiner Meinung nach ist das eine hervorragende Idee, die ich auch an viele Künstler weiterleiten werde.

Die „Realität“


Dank vieler Diskussionen um das Thema Loudness War, sind die meissten jungen Engineere darauf bedacht, wieder geschmackvolles Mastering anzubieten. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass übermasterte Produktionen in Masteringkreisen immer schnell an den Pranger gelangen. Man schaue sich nur in einschlägigen Foren um, etwa bei GEARSLUTZ.COM die „rate my mix“-Sektion. Zu laute Master werden partout als „handwerklich schlecht“ deklariert. Die Engineers der jüngeren Generation haben anscheinend bereits verstanden, was „zu laut“ ist.
Aber haben das die Labels, Künstler und Plattenfirmen auch verstanden ? Letztlich bestimmen diese, was auf den Markt gelangt. Produzenten und Engineers sind dabei eher die Dienstleister, die Folge zu leisten haben…

Ich empfehle, das Interview mit Mastering Guru Friedemann Tischmeyer anzuhören. Interessantes und Kurioses aus der Welt des Masterings 😉 Unter anderem wird das Dynamic Range Metering vorgestellt, Tipps zum dynamischeren Mischen/Mastern gegeben.

Achtung: 1 Stunde!! Tipp: Vorspulen zu Minute 2, um lästige Programmansagen zu überspringen.