Das tragische Studiosterben

7. März 2010

Nun ist es amtlich (und mittlerweile teilweise schon widerrufen…):

Abbey Road Studios 4 Sale!

Die ehrwürdigen Hallen, in denen die Beatles „All You Need Is Love“ aufnahmen, in denen Radiohead ihr „OK COMPUTER“ Album erschufen, in denen Robby Williams ein und aus ging: Diese ehrwürdigen Hallen stehen nun ür jeden Erdenbürger (mit 30 Millionen Pfund auf dem Konto) zum Kauf bereit. Der traurige Höhepunkt eines Trend, der sich schon seit Ende der 90’er Jahre abzeichnet. Und auch in der Nähe Hamburgs steht derzeit ein Studio von Weltklasse mit riesigem Live Room, einer unendlichen Auswahl an einzigartigen Mikrofonen und erlesenem Outboard Equipment zum Verkauf: Die Voxklangstudios bei Bendestorf.

Im Einzelnen möchte ich nicht auf den Grund für das Sterben speziell dieser Studios eingehen, aber dennoch Ideen sammeln diskutieren, warum (und ob)  die großen und schließlich auch die kleinen Tonstudios in dieser derzeitigen Musikindustrie eines nach dem anderen schließen (werden).

Die Budgets für Albumproduktionen sind seit Beginn der großen Krise der Plattenfirmen deutlich gesunken. Independent Bands z.B. im Rock/Metal Bereich erfahren heute nur noch selten bis überhaupt keine finanzielle Unterstützung mehr. (Anmerkung: Ich arbeite momentan mit einer Mittelalterband, die das Glück haben, tatsächlich noch gefördert zu werden. Dennoch zahlt die Band die Hälfte der Produktion selbst – dies ist aber nach meiner Beobachtung eine riesige Ausnahme).

Somit beläuft sich das Budget einer 4-köpfigen Band (ohne Labelunterstützung) im Schnitt auf selbst zu zahlende 3000 €. In meiner Erfahrung ist das die oberste Schmerzgrenze für die meisten kleinen Bands, die sich mit Tagesjobs am Leben halten, und abends die Clubs „rocken“.

Bei einem angenommenen Mindesttagessatz von 350 € eines kleinen Studios (Voxklang werden dagegen geschätzt mind. 1000 €/Tag allein an Miete kosten, Abbey Road 2000-3000 €) hätte die Band somit gut 9 Tage Zeit für Aufnahme, Editing, Mix, Mastering. Für eine international konkurrenzfähige Top-Produktion wären bei dieser geringen Zeit maximal 2 Songs möglich (Erfahrungswerte). Dies wäre also nicht mal eine EP (~3-4 Tracks)!

Dennoch: Kleine Studios kämpfen ums Überleben – und unterbieten sich im Preis gegenseitig. Also werden Studiowochenenden zu Dumpingpreisen angeboten: 350 € für Freitag-Sonntag – nehmt an einem Wochenende hier eure EP auf! Selbst große Studios (z.B. Boogie Park Studios Hamburg) beteiligen sich an dem Preiskrieg und bieten Bands fragwürdige Produkte unter dem Selbstkostenpreis an.

Die Konsequenz: Mittelmäßige bis peinlich schlechte Produktionen werden abgeliefert. Der Markt wird überschwemmt mit furchtbar verzerrten, uninspirierten musikalischen Kreationen. Musik aus der Konserve verliert an Wert – denn es wurde von Anfang an darauf geachtet, möglichst wenig Aufwand & Geld in die Aufnahme zu stecken.

Michael Jacksons Thriller Album wurde nicht in 1 Woche aufgenommen, gemischt und gemastert. Es wurde mit viel Experimentierfreude, Wissen und letzten Endes Zeit und Budget erstellt. Klanglich heute ein Meilenstein im Pop-Genre – auch dank der finanziellen Unterstützung der großen Plattenfirmen. Dagegen werden heutzutage klanglich fast ausschließlich Tiefpunkte generiert (dies ist natürlich eine rein subjektive Meinung, dies es zu diskutieren gilt).

Die Konkurrenz im Tonstudiosektor ist groß wie nie. Jeder 14-jährige Schüler mit einem 90 € Firewire Interface, Cubase SX3 und der gecrackten Waves Diamond Bundle nennt sein Kinderzimmer ein „Studio“. Erfahrung, Wissen und Können gelten heute viel weniger als Argument für eine Band, in Studio XY ihre Werke für die Ewigkeit festzuhalten. Der Preis – und oftmals NUR der Preis bestimmt die Aufnahme heute.

Es kommt die Frage auf: Wie überlebt ein Studio von 150 €/Tag bei Mieten von 1000 €/Monat und Equipment im Wert von mehreren 10,000 €? Ganz zu schweigen von der Bezahlung der hochqualifizierten Techniker und Produzenten (mind. 2000 €/Monat)!

Über Ideen, wie die Zukunft der Musikproduktion aussehen wird, bin ich sehr gespannt ! Lasst uns darüber im Blog weiter diskutieren! Einige brennende Fragen:

  • Werden zukünftige Musiker (so wie im übertragenden Sinne auch Maler) ihre Werke noch selbst erstellen ?
  • Wird jeder Musiker mit rudimentären Kenntnissen und VST-Presets selbst mischen und nur noch auf einen Mastering-Engineer zurückgreifen für den letzten Schliff?
  • Werden große Studios doch wiederkommen, weil sich die Musikindustrie erholen wird?
  • Werden Homestudios den Tonstudiomarkt dominieren und sich weiter gegenseitig unterbieten?

Ich freue mich über eure Beiträge!

Schließlich noch ein wirklich lustiges Video über den (leider wahren) Alltag eines Mastering Engineers, in der Kontakt eines budgetlosen Musikers mit einem professionellen Tontechniker gezeigt wird. Bitte seht euch dieses Video an,  denn es hat viel mit diesem Artikel gemeinsam.
http://www.xtranormal.com/watch/2868571/

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4 Responses to “Das tragische Studiosterben”

  1. Jay Says:

    Hi dannydcb,

    bin gerade auf deinen Blog beim Recherchieren gestoßen und wäre an einem Gedanklichen Austausch mit Dir diesbezgl. interessiert.
    Beschäftige mich mit der Thematik zur Zeit mehr als intensiv, da Sie zum Kern meiner Universitären Abschlussarbeit gehört.

    Grüße
    J.

    PS: Schick mir am besten mal Deine Email rüber.

  2. Jay Says:

    Servus,
    ich würde geren danny´s Fragenkatalog um zwei weitere Punkte ergänzen, da ich der Ansicht bin das hier eine weitere Differenzierung der Betrachtung des Problems(Studiosterben)sinnvoll ist.

    Meine Fragen an Euch wären:

    1. Wie könnte das Geschäftsmodell des Tonstudios zukunftsfähig gemacht werden?
    2. Besteht überhaupt eine Möglichkeit ein lebensfähiges Konzept für die Zukunft zu gestalten?

    Ich bin gespannt wieviele Visionäre sich in diesem Thread zusammenfinden.

    Grüße
    J.

  3. Merley Merl Says:

    Zu Punkt zwei von danny’s Fragen „Stichwort selber mischen“ :

    Ich finde es durchaus erstrebenswert seine eigene Produktion selber mischen zu können, soweit man die Fähigkeiten dazu hat. Das Mischen ist ein zentraler Aspekt des kreativen Prozesses und nicht bloß eine Dienstleistung. Nur ich selber weiß, wie mein Stuff zu klingen hat. Das jetzt die technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, ist in meinen Augen eher ein Segen. Natürlich muss die Produktion in einem Mastering Studio bearbeitet werden, wenn es denn zu einem offiziellen Release kommt.
    Die Masterring Studios sind interessanter Weise von der Krise garnicht in dem Maße betroffen.

    siehe : http://bassmusicblog.com/what-is-mastering-in-depth-with-kevin-wired-e

    Zitat :

    Has mastering been affected by the downturn in the music industry?

    Not for us down here. As record labels have been selling less units per release, they have had to put out more releases to keep their profits up. Every release still needs to get mastered, so in fact we’re busier than ever.

  4. Alfons der viertelvorzwölfte Says:

    mir fällt was zu den Künstlern ein,
    vielleicht wird denen in Zukunft viel viel mehr Professionalität abverlangt. Denn es könnte ja sein, dass es in der Branche auf eine Art Anarchie hinausläuft, in der der Künstler unmittelbar seinem Kunden gegenüber steht, mit nix mehr dazwischen. Es gilt dann nicht mehr nur noch sein Instrument zu beherrschen und gute Songs zu schreiben (das ist dann nur noch die Grundlage), sondern auch über ein fundiertes Wissen über Produktionsprozesse und Selbstvermarktung zu verfügen (Das so gut ist, dass sich der Künstler auch durchsetzt). Und nur die Harten kommen dann noch in den Garten. Keine Drogenskandale mehr, weniger Parties, mehr Strebertum.


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