Der Musiker als Dienstleister: Kreativität als Service?

30. Juni 2009

Dan.mcdonaldsMusik ist Kultur, auch das, was wir in Hamburg so verzapfen, ist ein Teil davon. Doch nur weil diese Kultur seit Jahrzehnten erfolgreich vermarktet wird, denken manche Leute, dass man mit dem Musikmachen gleich selbstverständlich Geld verdienen kann – wie in anderen Berufen auch. Musik als Beruf hingegen ist weit weniger romantisch als weithin angenommen: Berufsmusiker spielen beispielsweise in Orchestern oder auf Hochzeiten oder lassen sich für Studiojobs bezahlen, bei denen ihnen jemand anderes diktiert, was sie zu tun haben. So gesehen gibt es wirklich eine Menge Möglichkeiten, mit Musik etwas Geld zu verdienen – wobei die Betonung da zugegebenermaßen auf „etwas“ liegt – doch hier gilt, wie in anderen Berufen auch: Der Beste verdient am besten. Insofern lässt sich das Handwerk Musikmachen mit anderen Handwerksberufen durchaus vergleichen. Meinetwegen ist der Musiker hier Dienstleister und sein Produkt eben die Dienstleistung.

Im Rahmen der so genannten Popkultur, in der man unter „Musik machen“ aber eben nicht das bloße Handwerk sondern eine kreative Leistung oder gar die Erschaffung eines kulturellen Gutes versteht, verhält es sich deutlich anders. Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei vielen Musikern, die bescheidene Liedchen schreiben und doch höchstens einen Lifestyle als Ware anzubieten haben, weit auseinander. Woher rührt der Hochmut, mit Melodien gleich Millionen verdienen zu wollen? Nur weil das früher, als Musik nur über die spezialisierten Kanäle der Plattenindustrie ihre Verbreitung fand, einmal möglich war? Der Musikindustrie geht es mittlerweile schlecht, weil sie kaum noch jemandem nützt, am wenigsten dem „Hörer“. Sie ist ein Auslaufmodell, ist durch das Computerzeitalter mit neuen Verbreitungswegen und -möglichkeiten längst obsolet. Dass man in dieser Branche mittlerweile weniger und weniger verdient, ist die einzig logische Konsequenz des technischen und kommunikativen Fortschritts. Künstler, die damit ein Problem haben, stellen sich mit Jammerlappen wie Dieter Gorny auf eine Stufe oder trauern schlicht ihrem naiven Rockstartraum aus Kindertagen hinterher.

Wer nun Lust hat, seiner Musik als Dienstleistung einen Marktwert zuzuschreiben, kann dies gerne tun. Dicke Dollars winken da allerdings nicht. Wir knabbern am letzten Rest vom Knochen, da wird „sell-out“ plötzlich salonfähig; wer die beste Strategie hat, wird abgefeiert, zumindest kurzfristig. Im Ernst: Gelingt es geldgeilen Leuten, aus den neuen Medien endlich mächtig Profit zu schlagen, wird mir angesichts der Beballerung durch die riesige Informationsgesellschafts-Werbemaschine dieser Tage angst und bange. Und auch was die Qualität des Mainstreamprogramms der Zukunft betrifft, besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Leider ist es erfahrungsgemäß im Bereich Pop ja nicht erst seit der Erfindung des Internets so, dass nicht die Besten das beste Geld verdienen, sondern Sporty Spice und Schlitzohren mit Gespür für kluges Marketing. Deshalb sehe ich in der Dienstleistung eines Klempners, der das Schnüffelstück geschickt montiert, und in der eines Musikers, der Songs schreibt und aufnimmt, nur die eine Gemeinsamkeit: Beide werden nie das Gehalt eines echten so genannten Rockstars erreichen. Der Klempner kommt bei der Rechnung allerdings noch besser weg, und das, ohne auf besondere Marketingstrategien angewiesen zu sein. Der Musiker verdient in der Regel trotzdem noch weniger.

Dienstleistung ist eine Serviceleistung, die nicht zuletzt der Kunde bestimmt, und hat als solche nichts mit der ursprünglichen Kunstfertigkeit und individuellen Kreativität von Musikern zu tun. Wer Geld mit seiner ureigenen Kreativleistung verdient, hat Glück gehabt. Aber wer Musik macht, kann nicht automatisch verlangen, damit auch Geld zu verdienen. In diesen Zeiten haben nun alle die Möglichkeit, etwas Neues zu probieren. Man könnte auch sagen, alle stehen irgendwie unter Zugzwang. Schließlich ist Geld zu verdienen wichtig, und die Wahl zwischen Arbeit und Armut bietet für die Kreativität keinen Platz.

Wer noch mal nachlesen möchte, worin Sinn und Nutzen einer Industrie bestehen, und weshalb die Musikindustrie mittlerweile überflüssig ist, dem lege ich folgenden, großartigen Artikel eines Musikers aus England ans Herz:

An Unexpected Savior?
Simon Indelicate on how the credit crunch could revitalise the music industry

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One Response to “Der Musiker als Dienstleister: Kreativität als Service?”

  1. benjaminkapidzic Says:

    sehr interessant! für einen teil der indelicates (simon und julia) habe ich mal gearbeitet.. simon (ehemals) komiker ist wirklich ein schlauer kopf der materie. früher hat er schon in einem gespräch die these aufgestellt, dass die probleme der industrie durchaus positive aspekte hätten z.B. einen zugzwang zur kreativität und somit eine qualitative verbesserung früher oder später. cool! B.K.


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