Play it again, Sam! Sind Videospiele vielleicht der Rettungsanker der Musikindustrie?

26. Mai 2009

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Musikspiele sind quasi Karaoke verbunden mit einem äußerst simplen Spiel: Es wird gesungen, geklackert und getrommelt, um ein Gefühl ähnlich dem des wirklichen miteinander Musizierens zu erzeugen, nur dass das Lernen der Instrumente durch das Erlernen eines einfachen Spiels ersetzt wird, was auch ungeübte Zocker hinbekommen. Tatsächlich ein Instrument zu beherrschen hilft einem hier überhaupt nicht weiter, hat man aber als Kind statt Tuba oder Klavier Gameboy und C 64 besessen, ist man dem Gefühl in einer Band zu spielen schnell auf der Spur. Und dafür muss man nicht mal vor die Tür. Selbst wenn man kein Interesse daran hat, ein paar Stunden die Woche einen auf Rockstar zu machen, muss man zugeben: Einen gewissen Reiz hat das Spiel. Gefällt einem der Song einigermaßen, sieht man zu, dass man ihn auch irgendwie mittels bunter Knöpfe zum Erklingen bringt, und hierfür muss man bei diesem Spiel eben auch genau hinhören. Mit erhöhter Aufmerksamkeit zuzuhören macht so auf einmal wieder Spaß; wer sonst nur Klangtapete aus dem Radio kennt, ist auf einmal für ein Lied zu begeistern, welches er sonst gar nicht bemerkt hätte. Für die Musikindustrie müssten Musikspiele also durchaus von Bedeutung sein.

Kann Musik als Interaktionsprodukt die Kauflust des Mainstreams wiederbeleben?

Weltweit hat sich die Guitar Hero Reihe 23 Mio. mal verkauft, was der Musikindustrie durch die zusätzliche Promotionsebene nützt. Musikspiele haben einen direkten Einfluss auf die Verkaufszahlen von neuen, vor allem aber auch älteren Musik-CDs. Wirklich mitverdienen könnte die Musikindustrie jedoch noch viel mehr, wenn Plattenfirmen selbst solche Spiele veröffentlichen würden. Nur weil die potenziellen Kunden ein Lied jetzt von Guitar Hero kennen, kaufen sie es sich nicht sofort noch einmal in der langweiligen „ kann-man-nur-anhören-Version“. Es ist durchaus denkbar, dass die Plattenfirmen in Zukunft darauf setzen werden, ihre Musik auch in einer für die interaktive Nutzung vorgesehenen Version anzubieten. Wenn Fernsehsender wie RTL oder MTV Computerspiele veröffentlichen, kann es ja auch beispielsweise für Universal nicht so schwer sein, enger mit der Spieleindustrie zusammenzuarbeiten.

Es gibt offensichtlich einen neuen Trend in der Musiknutzung. Früher waren noch Musikvideos neu und fantastisch, heute werden selbst auf den ursprünglichen Musikvideokanälen MTV und VIVA reine Videos mehr und mehr von interaktivem Unsinn, den die Zuschauer gegen nicht unbeträchtliche Gebühren über ihre Mobiltelefone beeinflussen können, abgelöst. Zwischen SMS-Chats über Shakira im TV und dem Wunsch, tatsächlich mitzumischen, liegt nicht viel. Shows wie DSDS und Spiele wie Guitar Hero vermitteln dem Konsumenten nicht zuletzt das Gefühl, dass es tatsächlich nicht schwer sein kann, ein Popstar zu sein, während der ursprüngliche, unerreichbare Star nicht nur als veraltet wahrgenommen, sondern aufgrund des fehlenden Identifikationsfaktors auch immer uninteressanter wird. Braucht es dementsprechend heutzutage bloß eine andere, eine persönlichere und direktere Dreingabe zur Musik als ursprünglich passivem Unterhaltungsmedium, um den bröckelnden Markt zu retten?

Hat das überhaupt was mit Musik zu tun?

Die eigentliche Zielgruppe der Musikindustrie, nämlich die Leute, die eh schon ein selbstverständliches Interesse an Musik und am Musikhören entwickelt haben, kratzt dies alles wenig. Was haben Computerspiele denn bitteschön mit Musik zu tun? Da läuft halt ein Lied, meist irgendwelche Klassiker von Abba bis Zappa, alles hundertmal gehört und schon vor Jahren für maximal geschmacksneutral befunden. Ob Metallica ihr neues Album jetzt auch für die Spielkonsole rausbringen oder nur im I-Tunes Store veröffentlichen, interessiert mich persönlich jedenfalls überhaupt nicht. Musik über den Mainstream hinaus wird man auch in Zukunft nur sehr vereinzelt in Musikspielen zu hören bekommen. Aber die Menschen, die sich von sich aus für Musik interessieren, hat die Musikindustrie als kaufkräftige Kunden wohl längst abgeschrieben; ihre Ansprüche sind viel zu hoch und der Kampf gegen ihre Download Piraterie ist mühsam. Geld – das war schon immer so – macht man hauptsächlich mit der unkritischen Masse.

Spielend Hits verkaufen

Also verkloppt man noch die ödeste Mucke einfach an Ahnungslose. Das ist ja auch viel einfacher. Also heißt es nun, einen alten Markt mit neuen Mitteln, beispielsweise mit interaktiven Spielen, zu erschließen, der leichter zufrieden zu stellen ist und neben so genannter „Leidenschaft für die Sache“ auch etwas Geld mitbringt. Mir scheint, die Musikindustrie, wie auch die gesamte Unterhaltungsbranche wird den Erfolg von Casual Games a la Wii-Fit, Guitar Hero und Gehirnjogging am DS als Inspiration ansehen. Solche Spiele richten sich auch nicht an Hardcore-Gamer – die zocken ja eh schon den ganzen Tag. Casual Games sind einfache, wenig zeitintensive Spiele für zwischendurch, die speziell für Leute, die sonst nie Videospiele spielen, quasi in mundgerechten Häppchen serviert werden. So kaufen auf einmal mehr Hausfrauen eine Wii-Konsole als Teenager Ego-Shooter. Ebenso häppchenartig kann man quasi spielend den einen oder anderen Hit unters Volk bringen.

Das DSDS-Spiel gibt es längst. Der Trend hat mit Musik nicht mehr viel zu tun, denn es geht eher darum, ein ganz persönliches Märchen vom Ruhm nachzuempfinden. Startum als solches steht mehr im Vordergrund als der dazugehörige Soundtrack. Da macht es dann nichts, wenn sich die Jugendliche am Gitarrencontroller zum hundertsten Mal zu „Summer of 69“ in Pose werfen.

Ein Interview mit unter anderen Tim Renner und Thees Ullmann zum Thema Guitar Hero findet ihr auf der Seite der Zeitschrift Gee, der “ Spex unter den Spielezeitschriften“.

http://www.geemag.de/relaunch_storyseite.php?story=218&ausgabe=41

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2 Responses to “Play it again, Sam! Sind Videospiele vielleicht der Rettungsanker der Musikindustrie?”

  1. wii-mushroom Says:

    Also so gefährdet sehe ich die Musikindustrie nun auch wieder nicht, aber die Videospiele tragen wohl trotzdem einen wichtigen Teil dazu bei.

  2. Klaus Frieler Says:

    Der Erfolg von Spielen wie Guitar Hero & Co ist in gewisser Hinsicht erstaunlich. Ich frag mich ja immer: Warum greifen die Leute nicht einfach zu echten Gitarren?! Das wirft die Frage auf, wieviel hat Guitar Hero spielen mit „echtem“ oder sagen wir originärem Musikmachen zu tun? Am Ende scheint doch das Spielerische im Vordergrund zu stehen, etwas das in Musik auch immer da war und sein wird, oder noch anderes: Das manuelle Kompetenzerleben ist der Kick. Also die Finger schnell & richtig zu bewegen. Was dabei an Musik herauskommt ist dann nebensächlich (obwohl entsprechend „anregende“ Musik den Kick wohl noch verstärken wird). Hier demonstrieren die Musikspiele eine durchaus wichtige Komponente des Musikmachens, nämlich die reine Freude an Geschicklichkeit. Das ist erstmal frei von ästhetischen oder künstlerischen Elementen. Ich warte also auf ein Paganinni Hero…

    Deswegen, behaupte ich mal, vertragen sich diese Spiele auch nicht mit Musikstilen, die ein wie auch immer geartetes Kunstselbstverständnis zur Grundlage haben. Und die Musik muss natürlich dem Spieler potentiell gefallen können, Avantgarde Hero wird es also wohl nie geben…

    Menschen, die nicht an Mainstreammusik interessiert sind, kann also der Erfolg von Guitar Hero und die damit verbundenen Möglichkeiten der Musikindustrie hier noch mals einen direkten oder indirekten Euro zu machen, herzlich egal sein. Allerdings, für ein interessantes kleines Kunstprojekt wäre ein „Stockhausen Hero“ wohl nicht uninteressant…:-)


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