Digitale Steinwerfer

14. Mai 2009

Die vielbeschworene Krise der Plattenindustrie scheint unaufhaltsam auf deren vollständige Auflösung hinzusteuern, zumindest werden sie kaum mehr in der herkömmlichen Organisationsweise und mit den alten Geschäftmodellen in naher oder ferner Zukunft existieren können. Die Musiker und Bands von heute richten sich schon seit längerem, spätestens seit der Massenverbreitung von Computer und Audio- und Sequenzerprogrammen in ihren Heimstudios ein und produzieren weiter ihre Musik – wahrscheinlich aus dem einzigen wahren Grund, aus dem sie es schon immer gemacht haben: Aus Liebe (ja Liebe!) zur Musik, dem Bedürfnis nach Kreativität und dem selbsterhebenden Gefühl des Distinktionsgewinns, oder sagen wir: der subkulturellen Abgrenzung von der bösen Gesellschaft da draußen.

Seitdem es Popmusik gibt war die Gesellschaft da draußen schon immer böse, aber vielleicht ist sie noch ein bisschen böser geworden, seitdem der Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausprägung seit den 80er fröhlich in der Welt Urständ feiert und dabei subtiler ist wie nie zuvor. Die Bürde der indivuellen Autonomie und die Reduzierung der sozialen Solidarität, die der Neoliberalismus mit sich bringt, versteckt sich im Zeitalter des Globalisierung und des Internet in den Köpfen der Menschen als erzwungenes aber heroisches Dschungelkämpfertum. If you don’t make here (the world) you don’t make it anywhere. Niemand ist mehr haftbar für das eigene Unglück als die Individuen selbst (die dummerweise ihre Individualität seit Beginn der Neuzeit vehement eingefordert haben und, tha, das haben sie nun davon!), denn die Schweinesysteme sind nicht mehr „da draußen“, sondern nur noch in einem selbst. (Was nicht heißt, aber das nur am Rande, das jegliche Systeme nicht immer schon nur in einem selbst waren, aber in der guten alten Zeit war sie manifest, erlebbar vor allem „da draußen“, hatte böse Gesichter, die man benennen und hassen und beschuldigen konnte, ohne eben festzustellen, dass die Systeme schon immer nur in einem waren.)

Heutzutage ist es schwieriger geworden, die Schuld da draußen zu suchen, denn die Welt erscheint im wesentlichen gar nicht schlecht (seien wir doch mal ehrlich, für uns hier allemal. Was? Welche Krise?), wen soll man also noch die Schuld geben, wen bekämpfen? Und dennoch immer dieses ewig nagende Unglücksgefühl, das nach Bearbeitung schreit. Die Plattenindustrie scheint hier eine willkommene Rolle des Buhmanns einzunehmen. Vielleichtg geht es den MP3-Piraten nicht so sehr darum, Musik und ander Kulturstücke umsonst zu bekommen, immerhin hat eine norwegische Studie ergeben, dass die Schwarzlader überproportional oft auch Geld für legale Downloads bezahlen würden. Vielleicht geht es einfach um den Akt, dem neoliberalen Kapitalismus in Form der Plattenindustrie eins auszuwischen. Durch deren jahrelang aufgebauten schlechten Ruf – nicht zuletzt in subkulturellen Kontexten – und die immense Schwerfälligkeit und technologischer Naivität, mit der diese Plattenindustrie auf die neuen Möglichkeiten des Internets reagiert hat, meisten mit Prozessen, Abmahnungen und Lobbyarbeit für pfründewahrende Gesetzgebungen statt mit slicker, neoliberaler Umarmung, wie es sich empfohlen hätte, hat sie zu dem idealen Opfer eines Stellvertreterkrieges gemacht. Auch weil es möglich wwar, denn mit keinen anderen Produkten sonst als den kulturellen Gütern wie Musik, Bilder, Filme und Texte kann man dem System heutzutage so leicht eins auswischen. Sagen wir es mal so: Milch kann nicht nicht kopieren und auch nicht aus dem Internet herunterladen. Milch muss man physikalisch kaufen (und trinken und neukaufen und trinken und…). Vielleicht kann man sie klauen, aber wie mühselig ist das denn? Ganz anders die Musik!

Das ist also die These hier: Die Musikpiraten wollen gar nicht primär Musik illegal „erwerben“, um sie zu hören (dazu haben sie wahrscheinlich gar nicht genug Zeit mehr), nein, sie wollen sich rächen, sie wollen gegen das System kämpfen, sie wollen digitale Steine werfen.

Zorros und Robin Hoods dieser Welt, wählt die Piratenpartei! Aber das System, das System ist immer noch in euch. Und das, das ist die neue Dialektik.

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One Response to “Digitale Steinwerfer”

  1. toofansevimli Says:

    bravo


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