„Es ist nicht verwunderlich, dass Musikfans die Bereitschaft verlieren, Musik legal zu erwerben, wenn aktuelle Veröffentlichungen so gnadenlos überkomprimiert sind, dass selbst der größte Fan abschaltet. Bei den Red Hot Chili Peppers (z.B. „Stadium Arcadium“) ist auf der CD die natürliche Dynamik der Band nicht mehr zu hören, während die tolle Drum-Performance des Garbage Schlagzeugers völlig verzerrt zu hören ist („Bleed Like Me“). Madonna („Hard Candy“) macht agressiv und führt auf Disko-Anlagen zu Verzerrungen. Bei Metallica („Death Magnetic“) bleibt die Aussteuerungs-Nadel gleich permanent im roten Bereich! Das Gleiche geschieht mit dem vermeintlichen Qualitätskriterium Surround. Neun von zehn mit Surround ausgezeichnete Veröffentlichungen klingen schlechter als der originale Stereomix oder sind billige Upmixe mit Surround-Simulation – keine Voraussetzung, dem Musik-Hörer ein neues High-Resolution-Format auf Blu-ray-Basis anzubieten.“ (Auszug aus der Webseite der Pleasurize Music Foundation, eigene Übersetzung)

Der so genannte Lautheitskrieg oder im Englischen „Loudness War“ ist einer der am häufigsten diskutierten Trends in der modernen Musikproduktion. Während Künstler und Labels auf immer mehr Lautheit (lautere Mixe) drängen, macht sich Friedemann Tischmeyer auf, mit seiner Pleasurize Music Foundation für Aufklärung bei Musikern, Labels und Verantwortlichen zu sorgen und diesem zerstörerischen Trend entgegenzuwirken.

Was ist der Lautheitskrieg (siehe Video)?

„The Loudness War designates the senseless competition between record companies which involves releasing music with increasingly high amounts of compression (the „compression“ of dynamic levels so that originally quiet passages are as loud as the loudest parts of a song). This results in products which are increasingly obtrusive in order to fight for the listener’s attention. “ (Auszug aus der Webseite der Pleasurize Music Foundation)

Weitere Informationen zum Thema hier.

Die Pleasurize Music Foundation

„Die Pleasurize Music Foundation hat im Januar 2009 ihre Arbeit aufgenommen und ist eine Non-profit-Organisation mit Sitz in Kalifornien. Unser Ziel ist die qualitative (klangliche) Aufwertung von Musik in ihren unterschiedlichen Formaten. Hierzu gehören Tonträger aller Art ebenso wie Radiowiedergabe und Datenreduktionsverfahren wie mp3. Nur Musik, die auch ein positives Hörerlebnis bietet, ist ihren Preis wert. Wir stärken mit dieser Aufwertung den Wert der Musik im kreativen Schöpfungsprozess in der „Nahrungskette“ der Musikindustrie. Ziel ist, die Bereitschaft zu erhöhen, für hochwertige Musik gerne Geld auszugeben und so für alle kreativen Beteiligten des Entstehungsprozesses von Musik einen gesünderen Nährboden zu schaffen.“
(Auszug aus der Webseite der Pleasurize Music Foundation, eigene Übersetzung)

Turn Me Up!

Tatsächlich habe ich gerade gelesen (und es selbst noch nicht überprüfen können), dass Norah Jones „Come With Me“ soll doppelt so laut sein (in RMS gemessen) wie Nirvanas „Nevermind“… Da hat sich der gute Charles Dye (Mixing Engineer für Aerosmith, Bon Jovi, Shakira etc.) wohl gedacht: Das kann so nicht bleiben! Ich gründe mein eigenes Gütesiegel für dynamikreiche Platten: „Turn Me Up!“ http://www.turnmeup.org/
Charles Dye hat auch schon das „grandiose“ Livin La Vida Loca vom spanischen Hüftkreisweltmeister Ricky Martin gemischt. Laut Eigenaussage bedauert er heute, dass er damals schon dem Mastering Engineer Ted Jensen den Mix so laut anlieferte, dass dieser besagte Mastering Engineer noch heute für zu lautes Mastering gerügt wird. Dabei war das Charles Dyes Schuld , wie er heute selbst zugibt. Mit „Turn Me Up“ wird Künstlern die Chance gegeben, ihr Werk als dynamisch auszuweisen, und dem Hörer zu sagen: Hier ist nichts falschgelaufen – Ich, der Song / das Album bin / ist nicht kaputt 🙂 Mach mich einfach lauter. Dies soll dazu führen, das Künstler sich nicht mehr scheuen müssen, „leiser als die Konkurrenz zu sein“. Meiner Meinung nach ist das eine hervorragende Idee, die ich auch an viele Künstler weiterleiten werde.

Die „Realität“


Dank vieler Diskussionen um das Thema Loudness War, sind die meissten jungen Engineere darauf bedacht, wieder geschmackvolles Mastering anzubieten. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich berichten, dass übermasterte Produktionen in Masteringkreisen immer schnell an den Pranger gelangen. Man schaue sich nur in einschlägigen Foren um, etwa bei GEARSLUTZ.COM die „rate my mix“-Sektion. Zu laute Master werden partout als „handwerklich schlecht“ deklariert. Die Engineers der jüngeren Generation haben anscheinend bereits verstanden, was „zu laut“ ist.
Aber haben das die Labels, Künstler und Plattenfirmen auch verstanden ? Letztlich bestimmen diese, was auf den Markt gelangt. Produzenten und Engineers sind dabei eher die Dienstleister, die Folge zu leisten haben…

Ich empfehle, das Interview mit Mastering Guru Friedemann Tischmeyer anzuhören. Interessantes und Kurioses aus der Welt des Masterings 😉 Unter anderem wird das Dynamic Range Metering vorgestellt, Tipps zum dynamischeren Mischen/Mastern gegeben.

Achtung: 1 Stunde!! Tipp: Vorspulen zu Minute 2, um lästige Programmansagen zu überspringen.

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Musikspiele sind quasi Karaoke verbunden mit einem äußerst simplen Spiel: Es wird gesungen, geklackert und getrommelt, um ein Gefühl ähnlich dem des wirklichen miteinander Musizierens zu erzeugen, nur dass das Lernen der Instrumente durch das Erlernen eines einfachen Spiels ersetzt wird, was auch ungeübte Zocker hinbekommen. Tatsächlich ein Instrument zu beherrschen hilft einem hier überhaupt nicht weiter, hat man aber als Kind statt Tuba oder Klavier Gameboy und C 64 besessen, ist man dem Gefühl in einer Band zu spielen schnell auf der Spur. Und dafür muss man nicht mal vor die Tür. Selbst wenn man kein Interesse daran hat, ein paar Stunden die Woche einen auf Rockstar zu machen, muss man zugeben: Einen gewissen Reiz hat das Spiel. Gefällt einem der Song einigermaßen, sieht man zu, dass man ihn auch irgendwie mittels bunter Knöpfe zum Erklingen bringt, und hierfür muss man bei diesem Spiel eben auch genau hinhören. Mit erhöhter Aufmerksamkeit zuzuhören macht so auf einmal wieder Spaß; wer sonst nur Klangtapete aus dem Radio kennt, ist auf einmal für ein Lied zu begeistern, welches er sonst gar nicht bemerkt hätte. Für die Musikindustrie müssten Musikspiele also durchaus von Bedeutung sein.

Kann Musik als Interaktionsprodukt die Kauflust des Mainstreams wiederbeleben?

Weltweit hat sich die Guitar Hero Reihe 23 Mio. mal verkauft, was der Musikindustrie durch die zusätzliche Promotionsebene nützt. Musikspiele haben einen direkten Einfluss auf die Verkaufszahlen von neuen, vor allem aber auch älteren Musik-CDs. Wirklich mitverdienen könnte die Musikindustrie jedoch noch viel mehr, wenn Plattenfirmen selbst solche Spiele veröffentlichen würden. Nur weil die potenziellen Kunden ein Lied jetzt von Guitar Hero kennen, kaufen sie es sich nicht sofort noch einmal in der langweiligen „ kann-man-nur-anhören-Version“. Es ist durchaus denkbar, dass die Plattenfirmen in Zukunft darauf setzen werden, ihre Musik auch in einer für die interaktive Nutzung vorgesehenen Version anzubieten. Wenn Fernsehsender wie RTL oder MTV Computerspiele veröffentlichen, kann es ja auch beispielsweise für Universal nicht so schwer sein, enger mit der Spieleindustrie zusammenzuarbeiten.

Es gibt offensichtlich einen neuen Trend in der Musiknutzung. Früher waren noch Musikvideos neu und fantastisch, heute werden selbst auf den ursprünglichen Musikvideokanälen MTV und VIVA reine Videos mehr und mehr von interaktivem Unsinn, den die Zuschauer gegen nicht unbeträchtliche Gebühren über ihre Mobiltelefone beeinflussen können, abgelöst. Zwischen SMS-Chats über Shakira im TV und dem Wunsch, tatsächlich mitzumischen, liegt nicht viel. Shows wie DSDS und Spiele wie Guitar Hero vermitteln dem Konsumenten nicht zuletzt das Gefühl, dass es tatsächlich nicht schwer sein kann, ein Popstar zu sein, während der ursprüngliche, unerreichbare Star nicht nur als veraltet wahrgenommen, sondern aufgrund des fehlenden Identifikationsfaktors auch immer uninteressanter wird. Braucht es dementsprechend heutzutage bloß eine andere, eine persönlichere und direktere Dreingabe zur Musik als ursprünglich passivem Unterhaltungsmedium, um den bröckelnden Markt zu retten?

Hat das überhaupt was mit Musik zu tun?

Die eigentliche Zielgruppe der Musikindustrie, nämlich die Leute, die eh schon ein selbstverständliches Interesse an Musik und am Musikhören entwickelt haben, kratzt dies alles wenig. Was haben Computerspiele denn bitteschön mit Musik zu tun? Da läuft halt ein Lied, meist irgendwelche Klassiker von Abba bis Zappa, alles hundertmal gehört und schon vor Jahren für maximal geschmacksneutral befunden. Ob Metallica ihr neues Album jetzt auch für die Spielkonsole rausbringen oder nur im I-Tunes Store veröffentlichen, interessiert mich persönlich jedenfalls überhaupt nicht. Musik über den Mainstream hinaus wird man auch in Zukunft nur sehr vereinzelt in Musikspielen zu hören bekommen. Aber die Menschen, die sich von sich aus für Musik interessieren, hat die Musikindustrie als kaufkräftige Kunden wohl längst abgeschrieben; ihre Ansprüche sind viel zu hoch und der Kampf gegen ihre Download Piraterie ist mühsam. Geld – das war schon immer so – macht man hauptsächlich mit der unkritischen Masse.

Spielend Hits verkaufen

Also verkloppt man noch die ödeste Mucke einfach an Ahnungslose. Das ist ja auch viel einfacher. Also heißt es nun, einen alten Markt mit neuen Mitteln, beispielsweise mit interaktiven Spielen, zu erschließen, der leichter zufrieden zu stellen ist und neben so genannter „Leidenschaft für die Sache“ auch etwas Geld mitbringt. Mir scheint, die Musikindustrie, wie auch die gesamte Unterhaltungsbranche wird den Erfolg von Casual Games a la Wii-Fit, Guitar Hero und Gehirnjogging am DS als Inspiration ansehen. Solche Spiele richten sich auch nicht an Hardcore-Gamer – die zocken ja eh schon den ganzen Tag. Casual Games sind einfache, wenig zeitintensive Spiele für zwischendurch, die speziell für Leute, die sonst nie Videospiele spielen, quasi in mundgerechten Häppchen serviert werden. So kaufen auf einmal mehr Hausfrauen eine Wii-Konsole als Teenager Ego-Shooter. Ebenso häppchenartig kann man quasi spielend den einen oder anderen Hit unters Volk bringen.

Das DSDS-Spiel gibt es längst. Der Trend hat mit Musik nicht mehr viel zu tun, denn es geht eher darum, ein ganz persönliches Märchen vom Ruhm nachzuempfinden. Startum als solches steht mehr im Vordergrund als der dazugehörige Soundtrack. Da macht es dann nichts, wenn sich die Jugendliche am Gitarrencontroller zum hundertsten Mal zu „Summer of 69“ in Pose werfen.

Ein Interview mit unter anderen Tim Renner und Thees Ullmann zum Thema Guitar Hero findet ihr auf der Seite der Zeitschrift Gee, der “ Spex unter den Spielezeitschriften“.

http://www.geemag.de/relaunch_storyseite.php?story=218&ausgabe=41

🙂

Good Copy Bad Copy

25. Mai 2009

Break the LAW

STREAM UND DOWNLOAD HIER

In der aktuellen Debatte über das Copyright, Illegale Downloads und den oft besungenen Untergang der Muskindustrie kommt dieser exellente Dokumentarfilm daher und bietet so-mir-nix-dir-nix einen umfassenden Überblick über die aktuelle Lage von Copyright und Kultur. Interviewed werden eine ganze Reihe höchst relevanter und interressanter Personen von samplenden Künstlern über Powerplayern aus der Musik – und Filmindustrie bis zu Anwälten welche die Interressen letzterer vertreten und Professoren und Akademikern, die Konzepte für die Zukunft erforschen und entwickeln.

Der Film beginnt mit der Problematik des Samples in der Popmusik von heute am Beispiel von Girl Talk und Danger Mouse. Danach macht er einen Schwenk rüber zum Thema illegale Downloads und Bootlegs mit den Machern von Pirate Bay und Interviews im Bootleg-Markt von Moskau.

Nachdem nun die Spannungen zwischen Industrie, Künstler und Konsument auf den westlichen Märkten beleuchtet wurden, beginnt der für mich noch viel spannendere Teil des Films. Als Beispiel für die Filmindustrie wird die Situation in Nigeria und für die Musikindustrie der Markt in Nord Brasilien beleuchtet.

Was an diesen Ländern so interessant ist, ist die Tatsache, das beide Länder erstens sehr arm und zweitens die „Märkte“ sehr jung sind. Hier konnten sich neue Modelle und Strukturen entwickeln, da sich noch keine konservativen Krusten bilden konnten. Der Bootleg – und Schwarzmarkt ist in diesen Ländern eine allgegenwärtige Realität, die von Künstlern und Händlern nicht nur verstanden, sondern auch aktiv genutzt wird. Ausserdem gibt und gab es dort keine „alten“ Gesetze, die Entwicklungen hätten bremsen oder unmöglich machen können. Ein weiterer Punkt ist, dass die Armut von Anfang an Homeproduktion und generell billige Produktionsprozesse mit sich brachte. Daher haben die Menschen dort eine weit fortschrittlichere Umgehensweise mit dem Internet und dem digitalen Zeitalter, als die hiesige träge und behäbige Tonträgerindustrie.

Mir persönlich gefällt sehr gut, wie die Situation um die Pirate-Bay-Affäre beleuchtet wird und das man den Film auch exklusiv über Pirate Bay herunter laden kann. Runde Sache das…

Musik besitzen?

24. Mai 2009

Wird das (illegale) Downloaden von Musik überflüssig?

Spotify heißt der Dienst, der zurzeit in vielen Musikblogs für Aufregung sorgt, der Startup aus Schweden wird von vielen Bloggern schon als “the next big thing” nach „youtube“ oder „Facebook“ gehandelt.
Für Benutzer in Deutschland ist der Musik-Dienst Spotify zwar größtenteils noch unbekannt, hat aber vor allem in Schweden und Großbritannien schon über 2 Millionen Nutzer.

Das Prinzip von Spotify ist eine Online-Musikbibliothek von zurzeit ungefähr sechs Millionen Titeln, gelagert auf schwedischen Servern, die legal und praktisch ohne Zeitverzögerung von angemeldeten Benutzern gehört werden können.
Durch die Auslagerung auf Server, den so genannten „Cloud Computing“ braucht man sich weder über Festplattenabstürze Gedanken machen, noch Angst haben, für illegale Downloads belangt zu werden. Jeder Benutzer kann sich seine eigenen Playlists zusammenstellen und praktisch von überall darauf zugreifen.

Wozu also noch die Festplatte mit wohlmöglich illegalen mp3s vollmüllen?

Mit einer Technik aus „peer-to-peer“ und „serverstreaming“ folgt Spotify dem Trend zum „Cloud Computing“, besitzt aber auch alle Vorteile einer Desktop-Musikanwendung ähnlich wie iTunes.

Die Idee dahinter ist eigentlich nicht neu und man kann sich fragen, was unterscheidet Spotify von anderen etablierten Internetradios wie zum Beispiel Last.fm?
Eigentlich nicht viel! Aber im Gegensatz zu Last.fm oder ähnlichen Diensten ist Spotify kein Soziales Netzwerk, es gibt außer der Möglichkeit, Playlists weiter zu geben, keinen Austausch zu anderen Nutzern. Spotify zielt vielmehr auf das persönliche, private Hören und versteht sich eher als eine digitale Platensammlung und nicht als ein Internetradio.

„INSTANT SIMPLE AND FREE!“
So wird Spotify angepriesen, das klingt soweit alles ganz gut, aber das Musikangebot ist mit 6 Millionen Titeln verhältnismäßig (noch) klein, die Beatles oder Metallica wird man bei Spotify vergeblich suchen, von vielen Künstlern gibt es nur die neuesten Alben zu hören und kleine unbekannte Interpreten sind überhaupt nicht zu finden.
Zu dem ist der kostenlose, über Werbung finanzierte Dienst von Spotify nur in wenigen Ländern verfügbar. In Deutschland gibt es nur den kostenpflichtigen Premium-Zugang für 10 Euro im Monat.
Auch muss man sich fragen, ob die Musikhörer bereit sind Gebühren wie beim Fernsehen zu bezahlen, oder aber alle paar Stücke eine 30-sekündige Werbepause in Kauf zu nehmen. Und: Wird sich Spotify bei zurzeit eher sinkenden Werbeeinnahmen und steigenden Serverkosten am Markt halten können?
Trotzdem könnte Spotify den Begriff des Musikbesitzes revolutionieren und eventuell eine Lösung im Kampf gegen die Musikpiraterie darstellen.

Zusammenfassend ist Spotify eine gute, aber nicht unbedingt neue Idee mit Ausbaupotential, besonders wenn der Dienst, wie geplant, auch auf mobilen Endgeräten verfügbar wird.

Tja, der Dieter, du

14. Mai 2009

Gerade im Piratenblog gefunden:

Digitale Steinwerfer

14. Mai 2009

Die vielbeschworene Krise der Plattenindustrie scheint unaufhaltsam auf deren vollständige Auflösung hinzusteuern, zumindest werden sie kaum mehr in der herkömmlichen Organisationsweise und mit den alten Geschäftmodellen in naher oder ferner Zukunft existieren können. Die Musiker und Bands von heute richten sich schon seit längerem, spätestens seit der Massenverbreitung von Computer und Audio- und Sequenzerprogrammen in ihren Heimstudios ein und produzieren weiter ihre Musik – wahrscheinlich aus dem einzigen wahren Grund, aus dem sie es schon immer gemacht haben: Aus Liebe (ja Liebe!) zur Musik, dem Bedürfnis nach Kreativität und dem selbsterhebenden Gefühl des Distinktionsgewinns, oder sagen wir: der subkulturellen Abgrenzung von der bösen Gesellschaft da draußen.

Seitdem es Popmusik gibt war die Gesellschaft da draußen schon immer böse, aber vielleicht ist sie noch ein bisschen böser geworden, seitdem der Kapitalismus in seiner neoliberalen Ausprägung seit den 80er fröhlich in der Welt Urständ feiert und dabei subtiler ist wie nie zuvor. Die Bürde der indivuellen Autonomie und die Reduzierung der sozialen Solidarität, die der Neoliberalismus mit sich bringt, versteckt sich im Zeitalter des Globalisierung und des Internet in den Köpfen der Menschen als erzwungenes aber heroisches Dschungelkämpfertum. If you don’t make here (the world) you don’t make it anywhere. Niemand ist mehr haftbar für das eigene Unglück als die Individuen selbst (die dummerweise ihre Individualität seit Beginn der Neuzeit vehement eingefordert haben und, tha, das haben sie nun davon!), denn die Schweinesysteme sind nicht mehr „da draußen“, sondern nur noch in einem selbst. (Was nicht heißt, aber das nur am Rande, das jegliche Systeme nicht immer schon nur in einem selbst waren, aber in der guten alten Zeit war sie manifest, erlebbar vor allem „da draußen“, hatte böse Gesichter, die man benennen und hassen und beschuldigen konnte, ohne eben festzustellen, dass die Systeme schon immer nur in einem waren.)

Heutzutage ist es schwieriger geworden, die Schuld da draußen zu suchen, denn die Welt erscheint im wesentlichen gar nicht schlecht (seien wir doch mal ehrlich, für uns hier allemal. Was? Welche Krise?), wen soll man also noch die Schuld geben, wen bekämpfen? Und dennoch immer dieses ewig nagende Unglücksgefühl, das nach Bearbeitung schreit. Die Plattenindustrie scheint hier eine willkommene Rolle des Buhmanns einzunehmen. Vielleichtg geht es den MP3-Piraten nicht so sehr darum, Musik und ander Kulturstücke umsonst zu bekommen, immerhin hat eine norwegische Studie ergeben, dass die Schwarzlader überproportional oft auch Geld für legale Downloads bezahlen würden. Vielleicht geht es einfach um den Akt, dem neoliberalen Kapitalismus in Form der Plattenindustrie eins auszuwischen. Durch deren jahrelang aufgebauten schlechten Ruf – nicht zuletzt in subkulturellen Kontexten – und die immense Schwerfälligkeit und technologischer Naivität, mit der diese Plattenindustrie auf die neuen Möglichkeiten des Internets reagiert hat, meisten mit Prozessen, Abmahnungen und Lobbyarbeit für pfründewahrende Gesetzgebungen statt mit slicker, neoliberaler Umarmung, wie es sich empfohlen hätte, hat sie zu dem idealen Opfer eines Stellvertreterkrieges gemacht. Auch weil es möglich wwar, denn mit keinen anderen Produkten sonst als den kulturellen Gütern wie Musik, Bilder, Filme und Texte kann man dem System heutzutage so leicht eins auswischen. Sagen wir es mal so: Milch kann nicht nicht kopieren und auch nicht aus dem Internet herunterladen. Milch muss man physikalisch kaufen (und trinken und neukaufen und trinken und…). Vielleicht kann man sie klauen, aber wie mühselig ist das denn? Ganz anders die Musik!

Das ist also die These hier: Die Musikpiraten wollen gar nicht primär Musik illegal „erwerben“, um sie zu hören (dazu haben sie wahrscheinlich gar nicht genug Zeit mehr), nein, sie wollen sich rächen, sie wollen gegen das System kämpfen, sie wollen digitale Steine werfen.

Zorros und Robin Hoods dieser Welt, wählt die Piratenpartei! Aber das System, das System ist immer noch in euch. Und das, das ist die neue Dialektik.